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Huffington Post & Cherno Jobatey

Oktober 9th, 2013 · Keine Kommentare

Die Huffington Post kommt nach Deutschland und ich werde mit anschieben.

Spannend wird das auf jeden Fall, denn ich glaube, die neuen Realitäten des Internets kommen bei uns jetzt zeitversetzt zu den US-Medien immer mehr zum Tragen. Vor kurzem sagte Finanzminister Schäuble der BILD sogar, dass die Erfindung des Internets größere Auswirkungen auf Deutschland gehabt habe, als die Deutsche Einheit.

Langsam und kaum merkbar begannen die Veränderungen in den 90ern, als mit der Erfindung des Browsers plötzlich jeder im Internet dabei sein konnte. Alte Geschäftsmodelle änderten sich genauso wie Kommunikationsformen. Viele tradierte Tätigkeiten verloren ihren Wert. Dass es die Musikindustrie als erste richtig heftig traf, hat sich herumgesprochen. Auch uns in den Medien hat die Veränderung kalt erwischt. Vielleicht ist es sogar die umfassendste Veränderung unserer Branche seit der Erfindung des Morsens, als plötzlich eine Form von Gleichzeitigkeit trotz großer Distanzen möglich wurde. Damals taten sich viele verständlicherweise schwer mit diesem anziehenden Tempo – heute ist das nicht anders.

Eine öffentlich-rechtliche Fernsehnase und Veränderungen? Euch geht’s doch gut! So etwas höre ich oft. Drei Erlebnisse haben mich im Laufe der Zeit digital werden lassen:

Eine Einladung zu einem Politik-Kongress führte mich nach Washington. Ich sollte dort eine Rede halten. Als ich den riesigen Saal betrat, war er gut gefüllt und ich hatte noch vier Redner vor mir. Seit meiner Zeit als DAAD-Stipendiat in Los Angeles weiß ich, dass es bei politisch korrekten Events in den USA immer zwei Schwarze gibt. Und so machte ich mich auf die Suche nach dem anderen. Als ich ihn gefunden hatte, fragte ich ihn, wer er sei, was er mache. Er lächelte breit, sagte, er sei US-Senator und wolle demnächst Präsident werden. Ich lächelte zurück: „Yeahh, sure!“, und tippte mir auf meinen Handrücken. Er darauf: „Watch me.“ Ich unterhielt mich eine Weile mit dem sehr freundlichen Gentleman über Europa-Politik und Deutschland. Auf beiden Gebieten kannte er sich verblüffend gut aus. Zurück in Deutschland verfolgte ich, wie dieser Mr. Obama seinen für mich immer noch waghalsigen Plan umsetzte, indem er mit Hilfe der neuen Technologien zuerst die Deutungshoheit gewann und dann das Polit-Establishment austrickste.

Dann das zweite Erlebnis: Bei einer DLD-Conference in München lernte ich eine Amerikanerin mit undefinierbarem Akzent kennen. Ihre Herangehensweise an Medien und Journalismus, die sie gerade in einem Vortrag erläutert hatte, war faszinierend logisch, aber noch niemand hatte das so konsequent gemacht. Medien sind wie Autos. Und die fahren schon lange nicht mehr ausschließlich mit Benzinmotoren. Sie erklärte, dass auf ihrer Plattform Journalisten gleichberechtigt neben jedem, der einen Gedanken formulieren kann, „im Extremfall ein Regierungschef neben einem Obdachlosen“, publiziere. Weiterer Hauptgedanke ihrer Arbeit: „Wer hat schon Zeit, das Internet nach jeder Quelle abzugrasen.“ Sie fände die wichtigsten und lustigsten Geschichten im Netz, erkläre, warum man hierzu mehr erfahren solle, und verlinke dahin. Ein nagender Gedanke blieb hängen: Vielleicht sollte man, so wie diese griechischstämmige Cambridge-Ökonomie-Absolventin Arianna Huffington, eben keine gelernte Journalistin sein, um den Kopf frei zu haben für einen radikal anderen Ansatz. Am nächsten Tag startete ich meinen Blog jobateyjournal.de. Das Zusammenstellen oder auch Kuratieren unterschiedlicher Quellen ist eigentlich nicht neu. In vielen Artikeln wird auf andere verwiesen. Sind nicht überhaupt die meisten politischen Artikel im Prinzip kuratiert? Zitieren wir nicht schon lange und schreiben Gelesenes zusammen? Ist die Huffington Post strenggenommen nicht eine sehr ehrliche Angelegenheit, indem sie darauf verlinkt? Seinerzeit konnte ich mir nicht vorstellen, dass eine neue Marke im übervollen Medienmarkt erfolgreich sein könnte, die Bekanntes bündelt, vielen eine Plattform bietet und dazu Eigenes erstellt. Aus der Ferne verfolgte ich, wie diese Idee wuchs, wie, laut Comscore, die Huffington Post sogar die alt-ehrwürdige New York Times abhängte.

Und dann sind da noch Y-Titty: Beim Deutschen Web Video Preis durfte ich den „Preis der Jury“ an Y-Titty verleihen. Vielen wird der Name nichts sagen, trotz Ritterschlag durchs FAZ-Feuilleton. Aber die Tatsache, dass die drei Kerle jedes Jahr ein Vielfaches der Wetten, dass…?-Jahres-Reichweite erzielen – bisher insgesamt 440 Millionen Aufrufe – stimmt nachdenklich.
Wahrscheinlich hätten Y-Titty nie ein TV-Casting überlebt. Aber die Eintrittsschwelle für TV-artige Massenkommunikation ist so niedrig, dass das Prinzip Casting wahrscheinlich sehr 20tes Jahrhundert wirkt. Es ist erstaunlich, wie weit man mit einer Video-Kamera und YouTube kommt.

Zurück zur Huffington Post. Zum Internet gibt es viele bekannte Weisheiten: Das „Empowerment“, also das „einzelne Meinungen zum Fliegen bringen“, ist so eine. Wir kennen die Geschichten von Personen, die groß rauskamen und etwas veränderten. Auch der Arabische Frühling gehört dazu. Wir alle kennen mittlerweile den Begriff der Facebook-/ Twitter-Revolutionen.
Aber mit dem Gehört-Werden ist das so eine Sache, der Teufel steckt, wie so oft, im Detail. Jeder kann etwas posten, es muss nicht mal was kosten. So weit so gut. Aber der „Türsteher des Wissens“, also in der Regel eine Suchmaschine, reagiert am besten auf „gut geölte“ Webseiten. Eine gut programmierte Webseite zu erstellen, kostet Arbeit, Zeit und meist dann doch auch Geld. Und Know how: Meta-Tags, Betitelung, eine Onlineadresse (URL) mit den „richtigen“ Keywords etc. Längst hat sich um den Wunsch, gefunden zu werden, eine neue Industrie namens Suchmaschinen-Optimierung (SEO) etabliert. Die Huffington Post nimmt den Autoren da einiges ab: Alles was man als Blogger hier braucht, ist ein Text; die Plattform sorgt für Reichweite und verlinkt auf den Ursprungsblog.

Konkret:
Beim letzten Urlaub kam ich am Strand mit einem Kalifornier ins Gespräch; zum Abschied schenkte er mir das neueste Buch des in den USA sehr populären Bestseller-Autors Brad Thor. Dieses 2012 erschienene Buch „Black List“ handelt von einer geheimen Firma, die für die US-Regierung das Internet überwacht. Irgendwann hecken Bösewichte in dieser Firma einen Staatsstreich aus. Der Plan hätte funktioniert, wenn nicht ein noch geheimerer Superagent das im Alleingang verhindert hätte. Dieses Buch, für meinen Geschmack etwas zu brutal, steht in bester Faction-Tradition, also der Vermischung von facts und fiction, von Realität und Dichtung, deren berühmtestes Beispiel ist der Truman Capote-Krimi „Kaltblütig“. Das Beeindruckende an „Black List“ sind im Gegensatz zu „Kaltblütig“ weder ein brillanter literarischer Stil noch dessen Verquickung mit minutiöser journalistischer Recherche. Beeindruckt an diesem – seien wir ehrlich – Reißer ist die feine Nase seines Autors: Dieses Buch, geschrieben wahrscheinlich vor zwei Jahren, nimmt im Prinzip den gesamten NSA-Skandal des Sommers vorweg.
Hätten wir einen enthusiastischen Blogger gekannt, der über solche Krimis schreibt, die es nur ausnahmsweise ins Feuilleton schaffen – wir hätten vorher ahnen können, was Edward Snowden uns heute scheibchenweise kredenzt.

„Medien haben sich verändert, Medienökonomie hat sich verändert. Der Regenbogen ist bunter und farbenfroher geworden, denn viel mehr können mitmachen. Wir sind auf einer spannenden Reise. Ich freue mich darauf, bei der Huffington Post Deutschland mithelfen zu können!

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